Language
Sie befinden sich hier:

Plateau-Pumps, Schwänze und Weißweinschorle

separee
(Kommentare: 0)
Eva Reisinger

Was hinter den Türen von Erotik-Kinos passiert, wie Gangbangs wirklich funktionieren und warum Menschen swingen — das hat sich unsere Autorin schon lange gefragt. Als sie von einem Paar hörte, deren Hobby Swingen ist, wurde sie neugierig. Sie verbrachte einen Abend mit ihnen in einem Erotik-Kino.

  • Text: Eva Reisinger
    Fotos: © René Sputh - Fotolia.com

„Eva, willst du über Action schreiben oder Action sehen?“, fragte mich Jana* bei unserem ersten Telefonat. „Action sehen“, antwortete ich damals noch ganz selbstbewusst. So kam es, dass mich Jana und Thomas* zu einem gemeinsamen Abend ins Erotik-Kino einluden. Ich würde mich selbst als nicht unbedingt prüde bezeichnen. Spätestens seit der Ankündigung eines „privaten Gangbangs mit der megageilen Princess_J“ im Forum des Erotik-Kinos bin ich aber total nervös. Ich scrolle durch die Kommentare. Mein Magen zieht sich immer mehr zusammen. Ich muss professionell bleiben, ermahne ich mich.

Die Frage nach dem richtigen Outfit für diesen Abend bringt mich fast zur Verzweiflung: Trägt man dort nun Unterwäsche? Négligés? Kostüme? Ganz normale Kleidung? Ich suche im Internet nach „Kleidung in Swinger-Clubs“ und durchforste das Forum des Erotik-Kinos nach Kleidervorschriften. Ich frage Jana. „Es kommt darauf an, was du heute Abend vor hast“, antwortete sie mir. Jetzt bin ich noch nervöser. Es verunsichert mich, so gar keine Vorstellung zu haben, wie und was im Erotik-Kino passieren wird.

Die Tür zur Wohnung ist angelehnt. Als ich sie öffne, steht Jana vor mir. Sie trägt schwarze Nylonstrümpfe mit Haltern, ein brustfreies Korsett und silberne Plateau-Pumps. Sonst nichts. Ich kann ihre gepiercten Brustwarzen und ihre Vagina sehen. Sie dreht sich einmal um sich selbst und meint mit einem Lachen im Gesicht: „Ich hab schon meine Blas-Frisur für heute Abend.“ Thomas steht in Jogginghose und schwarzem Shirt neben uns und lacht – vermutlich über meine Sprachlosigkeit. So beginnt meine Nacht mit den beiden Swingern Jana und Thomas. Sie ist Anfang 30, er Ende 40. Genaues Alter und Namen sollen in diesem Bericht nicht vorkommen. Beide haben Führungspositionen. Swingen ist schließlich kein Label, das man sich gerne ans Auto klebt oder in den Lebenslauf schreibt. Auch wenn sie das am liebsten tun würden, wie sie mir später erklären.

Thomas führt mich durch seine Wohnung. Überall hängen Bilder der nackten Jana. Dildos, Klemmen und Plugs liegen rund um das Bett. Eine Fickmaschine steht neben dem Nachtkästchen. Die Laden der Kommode sind voll mit Sexspielzeug. Bei der Hälfte weiß ich nicht einmal, wofür es ist. Jetzt fühle ich mich wirklich prüde. Wir können ja mal einen Workshop machen, meint Jana. Am Ende der Wohnung ist das Fotostudio. Thomas Hobby ist erotische Fotografie. Bondageseile und eine Augenbinde liegen auf dem Hocker vor der Leinwand. „Wenn meine Mama zu Besuch kommt, muss ich in der Wohnung einiges wegräumen“, scherzt er. Wir setzen uns auf die Couch. „Willst du ein Gin Tonic? Des wirst du brauchen!“, fragt mich Jana. Ich nehme ihn gerne an.

Jana bezeichnet sich selbst als die „typische Milf“. Früher war Sex für sie etwas, das zu einer Beziehung einfach dazugehörte. Erst nach der Geburt ihrer beiden Kinder entdeckte sie ihre Sexualität aufs Neue. Thomas lernte sie auf einer Erotik-Plattform kennen. Sie trafen sich zu einer Fotosession und verliebten sich. Nach zwei Jahren Beziehung begannen sie Swinger-Clubs und Porno-Kinos zu besuchen. Auch wenn Jana und Thomas von ihren Freunden erzählen, fällt mir auf, dass es immer einen konkreten Auslöser für die plötzliche Neugierde am Sex und am Swingen gab. Meistens eine Trennung, das Ende einer langen Beziehung oder einer Ehe, in der Sex keine große Rolle spielte.

Geswingt wird heute nicht mehr im Keller

Swinger gibt es historisch gesehen bereits seit der Antike. Schon in den Aufzeichnungen der Griechen und Römer sind erste Hinweise auf Orgien zu finden. In den 1960er-Jahren fanden sich schließlich die ersten Swinger-Organisationen und Clubs in den USA. Im deutschsprachigen Raum verbreitete sich der Trend erst etwas später in den 90er-Jahren in Form einer Subkultur, die stark im FKK und Nudismus verhaftet war. Seitdem hat sich das Bild des Swingens in der Öffentlichkeit gewandelt. Die deutsche Soziologin Miriam Venn hat sich in ihrer Doktorarbeit „Paare in der Swingerszene—Ethnographie einer modernen Lebenswelt" mit dem Thema auseinandergesetzt. Dort schreibt sie: „Das Swingerdasein entspricht nicht mehr dem Klischee vom dunklen Kellerclub, wo Leute über 40 in Lack und Leder herumspringen und es nur um Sex mit einer anderen Person geht.“ Vielmehr sei es ein Trend, der sich unter den 30-Jährigen verbreiten würde. Er hat sich von seinem Schmuddel-Image befreit und wird immer gesellschaftsfähiger. Spätestens seit dem Erfolg von Shades of Grey ist die sexuelle Experimentierfreudigkeit kein Tabu mehr, sondern irgendwie trendy. Zudem gibt es heute unzählige Erotik-Plattformen, die eine bessere Kommunikation zwischen den Swingern ermöglichen, wie Le Swing, Augenweide oder Joyclub.

Ich frage Thomas, ob er Angst habe, seine Freundin durch das Swingen zu verlieren. Sie könnte sich schließlich auch in einen anderen verlieben. „Ich könnte Jana ohnehin nicht länger als ein bis zwei Jahre nur an mich binden. Sie braucht das und ich lebe das gerne mit ihr aus. Was im Kino passiert, hat nichts mit Liebe zu tun, sondern ist etwas Animalisches“, antwortet er. Bei Einladungen nach Hause, dem eigentlich typischen Swingen, muss aber alles passen, auch die Persönlichkeit. Dass jemand die beiden besuchen darf, ist daher eher die Ausnahme.

Swingen versus Eifersucht

Auch die Studie der Dating-Plattform Elite Partner kam letztes Jahr zu dem Ergebnis, dass Partner gerne gemeinsam neue Dinge ausprobieren. Dazu wurden 11.000 Internetnutzer befragt, was für sie zu gutem Sex dazugehört. Dabei gaben 57 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer an, „gemeinsam Neues ausprobieren" zu wollen, gleichzeitig gaben aber auch 51 Prozent der befragten Frauen an, bereits eifersüchtig gewesen zu sein. Zu Beginn war auch Thomas eifersüchtig, wenn andere Männer Jana berührten. Jana hingegen liebt es, mit mehreren Männern gleichzeitig Sex zu haben und sie zu befriedigen. „Ich bin für Quantität, Thomas eher für Qualität“, erklärt sie. Im Porno-Kino kommt sie auf ihre Kosten. Dort geht es nicht um Aussehen oder Alter einer Person, alles dreht sich um die Anonymität. Mittlerweile genießt Thomas diese Abende und speichert die Eindrücke für zu Hause ab. Denn erst in den eigenen vier Wänden bringen sich die beiden gegenseitig zum wahren Höhepunkt ...

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Séparée No.13.

 

Zurück