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Außerplanmäßige Gefühle

separee
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Janina Gatzky

Im Interview haben wir mit dem Beziehungscoach Nils Terborg über Fremdverliebtheit, Eifersucht und die Chancen und Grenzen einer offenen Beziehung gesprochen.

  • Interview: Janina Gatzky
    Fotos: alexlion - pixabay.com, Porträt privat

Séparée: Unsere Zeit ist schnelllebig. Keiner will sich mehr festlegen. Ist die offene Beziehung eine Modeerscheinung oder gibt es historische Vorbilder?

Nils Terborg: Victoria Woodhull, die bereits 1872 die erste Präsidentschaftskandidatin der USA war, bezeichnete sich selbst als „freie Liebende“. Ob sie in einer offenen Beziehung gelebt hat, weiß ich allerdings nicht. Darüber hinaus ist natürlich das Beispiel von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir recht bekannt, die in dieser Hinsicht auch experimentiert haben. Zusammengefasst: Es gab in der jüngeren Vergangenheit sicher das eine oder andere Beispiel, aber aktuell würde ich es schon als einen Trend bezeichnen. Geht man ganz weit in der Geschichte zurück, dann lebten Menschen in ihren Jäger-und-Sammler-Gruppen durchaus auch in Beziehungskonstrukten zusammen, die man als „offen“ bezeichnen könnte. Wer sich für die sexuelle Geschichte der Menschheit interessiert, dem möchte ich wärmstens das Buch „Sex at Dawn“ von Christopher Ryan empfehlen.

Ist unser Begriff von Beziehung vielleicht einfach zu eng für unsere Lebensrealität geworden? Was ich damit meine: Wer 1880 geboren wurde, hatte eine statistische Lebenserwartung von 40 bis 45 Jahren. Mittlerweile werden wir im Durchschnitt 75 Jahre alt, Tendenz steigend. Heute müssen Ehen also deutlich länger halten, will man am alten Ideal des Bis-dass-der-Tod-uns-scheidet festhalten. Ist das überhaupt realistisch?

Ja, wir sind durch eine höhere Lebenserwartung natürlich auch mit der Herausforderung konfrontiert, es deutlich länger miteinander aushalten zu müssen. Wenn wir – wie sehr viele Menschen – eine Partnerschaft nur als Quelle von Glück, Zufriedenheit und positiven Gefühlen sehen, ist das meiner Erfahrung nach zu kurz gedacht. Wer aktuell einen Partner hat, weiß aber, dass dieser meistens extrem gut darin ist, uns Punkte aufzuzeigen, wo wir unser Potenzial nicht nutzen, um es mal positiv auszudrücken. Das geschieht dann oft in Form von Streits, Konflikten oder ähnlichem. Kein Wunder, denn wer kann unsere Schwächen besser kennen als unser Partner, der zudem ja weniger blinde Flecken hat als wir selbst? Für mich schließt sich der Kreis dann so: Glück und Zufriedenheit stellen sich ein, wenn ich meine Partnerschaft als Herausforderung begreife und mich dieser immer wieder stelle. Im Kern geht es darum, sich selbst und die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, dann klappt es auch mit der langjährigen Partnerschaft.

Was mich immer wieder verblüfft, ist die gesellschaftliche Annahme, wir könnten nur einen Partner wahrhaft lieben, wo wir doch auch problemlos mehrere Kinder lieben können, d. h. Menschen sind durchaus in der Lage, mehr als eine Person aufrecht zu lieben. Die offene Beziehung trägt dem ebenso Rechnung wie die Polyamorie. Wo verlaufen die Grenzen zwischen offener Beziehung und Polyamorie?

Wenn man für diese doch recht emotionale Frage die Wissenschaft bemühen will, dann ist die Sache klar: Natürlich empfinden wir Liebesgefühle für mehrere Personen. Mal sind das Freunde, mal ist das unser Partner. Und bisweilen auch jemand, bei dem das nicht vorgesehen ist. So was stellt natürlich das eigene Weltbild in Frage, das von Romantik und Monogamie geprägt ist. Nicht umsonst ist ein Artikel zum Thema „Fremdverliebtheit“ einer der meist gelesenen auf meiner Website. Die Frage ist nun, wie man mit diesen außerplanmäßigen Gefühlen umgeht. Oft können auch die Gefühle zu einem Dritten Schwächen in der eigenen Beziehung aufzeigen – wobei es nicht immer ganz leicht ist, das angemessen zu interpretieren. Noch komplexer wird es dadurch, dass mit der eigenen Beziehung durchaus auch alles in Ordnung sein kann und man sich aber trotzdem in eine andere Person verliebt. Aber gut, wer behauptet schon, dass die Liebe ein einfaches Thema wäre?

Zurück zur offenen Beziehung, Herr Terborg.

Die klare Unterscheidung von der Polyamorie ist bisweilen schwierig. Ich empfehle Paaren, die sich für eine offene Beziehung interessieren, davon auszugehen, dass sich mindestens einer der Partner garantiert einmal in eine andere Person verlieben wird. Und wenn das passiert, steht man genau an der Grenze von offener Beziehung und Polyamorie. Ich würde da aber nicht zu viel um Begriffe streiten, denn letztlich geht es auch hier wieder um eine Sache: sich persönlich weiterzuentwickeln und quasi noch „liebesfähiger“ zu werden. Das geht mit einem Partner, und das geht prinzipiell auch mit mehreren Partnern, sofern es Zeitmanagement und Lebensentwurf erlauben.

Geht es bei einer offenen Beziehung nicht eigentlich in erster Linie doch um Sex, weil das Sexleben mit meinem Partner etwas eingeschlafen ist, ich mich aber aus verschiedenen Gründen nicht trenne möchte? Sprich: die offene Beziehung als legitimiertes Fremdgehen?

Ich denke, dass das durchaus eine Motivation von vielen Paaren ist. Auf den ersten Blick sieht es ja wie eine sinnvolle Lösung aus. Auf den zweiten Blick macht es natürlich mehr Sinn sich zu fragen, warum das Sexleben mit dem Partner eingeschlafen ist. Klar, das erste Mal mit einer neuen Person ist immer aufregend, aber das ist ein Effekt, der sich abnutzt. Wer dann von einem zum anderen springt, fühlt sich schnell ausgebrannt, wirkliche Erfüllung sieht in den meisten Fällen vermutlich anders aus. Ich will das aber auch nicht zu negativ sehen. Allein die Unterhaltung über Fremdgehen und das große Thema „offene Beziehung“ löst oft schon starke Gefühle aus, die letztlich zu sinnvollen Handlungen führen können. Und so manches Paar, das sich für eine offene Beziehung entschieden hat, bemerkt plötzlich, dass der Reiz des Fremdgehens verloren geht, wenn es nicht mehr verboten ist.

Warum legen wir überhaupt einen so großen Wert auf sexuelle Treue?

Das hat zum einen sicher kulturelle Gründe. In unserer liberalen Kultur scheinen mir aber psychologische Aspekte noch ausschlaggebender zu sein. Damit meine ich das Schlagwort Verlustangst. Wer einmal mit einer anderen Person in die Kiste steigt, könnte das ja so toll finden, dass er das zunächst immer mehr und später ausschließlich haben möchte. Auch ein ungesundes Besitzdenken spielt da oft mit rein. Das ist wirklich ein komplexes Feld! Ich empfehle jedem, der sich für seine eigene Partnerschaft interessiert, sich ein paar Gedanken über sexuelle Treue zu machen. Was heißt das überhaupt? Was soll das heißen? Wo kommen die Gedanken her und sind das wirklich meine eigenen? Wenn am Ende eine Vorstellung von Treue herauskommt, die wirklich zum eigenen Weltbild passt, dann ist man einen großen Schritt weiter.

Das klingt sehr erwachsen und harmonisch, aber was tun, wenn sich das Weltbild der Partner in Punkte (sexuelle) Treue nicht vereinbaren lässt?

Oft ist es ja so, dass einer der Partner eine Art Offenbarung hat und seine Einstellung zum Wert „sexuelle Treue“ ändert. Nicht selten auch radikal. Hier dürfen die Partner sich Zeit geben, viel über das Thema reden und sich beide um Offenheit und Verständnis für die andere Position bemühen. Je intimer und vertrauensvoller die Beziehung vorher war, umso leichter fällt das. Und während dieses Aushandlungsprozesses tauchen oft spannende Alternativen, Kompromisse oder andere Lösungsideen auf. Aber natürlich nicht immer. In dem Fall, in dem beide Partner hier auch nach Wochen oder gar Monaten völlig andere Einstellungen haben, wird es schwierig. Die Situation ist vielleicht vergleichbar mit einem Kinderwunsch, der von einer Seite sehr stark empfunden und von der anderen Seite heftig abgelehnt wird. In solchen Fällen kann es für beide die bessere Lösung sein, die Beziehung enden zu lassen. Ich sehe ein, dass es beileibe nicht leicht ist, das zu entscheiden oder einzuschätzen, allerdings gibt es dafür ja Fachleute, die helfen können.

Das vollständige Interview lesen Sie in Séparée No.15.

 

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